Leseprobe

Die Beifahrertür sprang auf und eine in einen moosgrünen Mantel mit Pelzkragen gehüllte Frau stieg aus dem Fahrzeug. Als sie Cedrik und seinen Vater auf dem Bahnsteig entdeckte, winkte sie den beiden begeistert zu. „Willkommen! Willkommen!“, rief die Frau schon von Weitem und stapfte mit ihren hochhackigen Stiefeln durch den Schnee auf sie zu.

Cedrik war von ihrem Auftreten beeindruckt. Die Frau schien von innen zu leuchten.

„Willkommen in Mistle End! Ich bin Esmeralda Golden.“ Ihre blauen Augen funkelten vor Freude, als sie O’Connor heftig die Hand schüttelte. Blonde Locken tanzten um ihr schmales Gesicht.

„Guten Abend! Ich bin Aengus O’Connor – und das hier ist Cedrik, mein Sohn!“

Esmeralda ergriff Cedriks Hand und schien tatsächlich erfreut. „Wie schön, Sie beide kennenzulernen!“

Die Fahrertür des Geländewagens öffnete sich und ein beleibter, älterer Mann mit Boxernase wuchtete sich schwerfällig aus dem Auto. Er trug einen abgewetzten Mantel, eine Schirmmütze und eine Nickelbrille mit zersprungenen Brillengläsern, die er sich mit dem Handrücken wieder zurück auf die Nase schob. „Verfluchtes Teufelsding!“, fluchte der Fahrer. „Was für eine verdammte Mistkarre!“ Wütend knallte er die Autotür ins Schloss, doch anstatt einzurasten, sprang sie quietschend wieder auf. Der verärgerte Fahrer warf sich daraufhin so lange und heftig gegen die laut krachende Türe, bis es schnappte, und sie geschlossen blieb. „Geh doch endlich kaputt, du Biest!“

Esmeralda legte angestrengt eine Hand an ihre Schläfe und rief über ihre Schulter: „Mr McKanaghan, also bitte! Die Gäste!“ Sie verzog für einen kurzen Moment peinlich berührt ihr Gesicht und wandte sich dann wieder an Aengus und Cedrik. „Aber, hach, was sag ich denn Gäste – Neuankömmlinge, Mitbürger, Freunde! Ja, Freunde werden wir sein! Unbedingt! Lassen Sie uns endlich Ihr Gepäck in das Auto räumen. Sie müssen ja erschöpft sein, von der langen Reise.“ Ihr Ton wurde wieder schärfer: „Mr McKanaghan, wären Sie so freundlich?“

Mr McKanaghan, der sich gerade mit einem löchrigen Taschentuch seine triefende Nase geputzt hatte, richtete sich sofort auf und antwortete: „Jawohl, Ma’am!“

Fehlte nur noch, dass er salutierte.

Er kam durch den Schnee auf sie zu und schüttelte Aengus und Cedrik die Hand. „Guten Abend, Mister. Hallo, mein Junge. Willkommen am kältesten Punkt südlich der Polargrenze! Na, dann wollen wir mal …“

Er packte eine der schweren Holzkisten und zerrte sie umständlich durch den Schnee Richtung Auto. Cedrik beeilte sich, ihm zu helfen.

Esmeralda richtete ihren Blick auf Aengus O’Connor und lächelte ihm entschuldigend zu. „Sie müssen wissen, Mr McKanaghan ist nicht nur die gute Seele unseres kleinen Ortes, er ist auch der Einzige, der ein solches Automobil fahren kann.“

O’Connor nickte. „Natürlich, ich verstehe!“ Dann schien er zu stutzen. „Hat denn sonst niemand in Mistle End einen Führerschein?!“

Esmeralda kicherte. „Nun, nicht für dieses … Fortbewegungsmittel. Aber manchmal ist so ein Fahrzeug doch ganz hilfreich. Besonders, wenn es so viele Kisten und Koffer zu transportieren gibt.“

Sie hob neugierig ihre Augenbrauen. „Was ist denn eigentlich …“

„Bücher. Alles Bücher“, warf Cedrik ein und bückte sich nach der nächsten Kiste. „Sie müssen wissen, eigentlich ist mein Vater Wissenschaftler. Mythologe.“

Esmeralda nickte freundlich. „Mythologe, soso.“ Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, dann zwinkerte sie Cedrik zu und fügte hinzu: „Wie aufregend!“

Wie aufregend?! Das ist immer die Reaktion der Leute, wenn sie eigentlich sagen wollen: Wie langweilig!

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