Leseprobe

Ein hastiger Pfiff, und Aengus konnte seinen Schal nur mit einem beherzten Ruck aus dem Griff der sich viel zu schnell schließenden Tür retten. Als der Zug in einer Wolke aus schwarzem Dieselruß und aufwirbelnden Schneeflocken wieder anfuhr, stellte Cedrik enttäuscht fest, dass sie die Einzigen waren, die an dem kleinen Bahnhof von Mistle End ausgestiegen waren. Es war anders, als er es erwartet hatte. Schlimmer.

Da standen sie im dichten Schneetreiben, und waren völlig allein. Zwei kleine Laternen beleuchteten die schmale und tief verschneite Plattform, ansonsten war kaum etwas zu erkennen. Ein paar kahle, verkümmerte Bäume, aber kein Haus, nichts. Dunkle Schatten rings um das kleine Tal ließen die Highlands erahnen.

Der Wind blies eiskalt und Cedrik warf seinem Vater einen fragenden Blick zu.

O’Connor wippte auf seinen Füßen vor und zurück, während er Cedrik durch den Wind zurief: „Es kommt sicher gleich jemand. Sie haben ja geschrieben, dass wir abgeholt werden.“ Er konnte hören, wie sich sein Vater bemühte, seine Stimme zuversichtlich klingen zu lassen.

Aber niemand war da.

Cedrik kaute beunruhigt auf seiner Unterlippe und stapfte im Schnee auf und ab, um sich warm zu halten. Was für eine doofe Idee, mitten im Winter umzuziehen. Mit dem Zug! Die Kälte kroch unter seinen Parka und der immer stärker werdende Wind peitschte ihm den Schnee ins Gesicht. Ob da draußen im Schnee jetzt ein Wolf stand und sich bereits das Maul leckte? Vorstellen konnte es sich Cedrik durchaus. Und erstaunlicherweise machte es ihm keine Angst.

Nach weiteren zehn Minuten klang sein Vater nicht mehr so optimistisch. „Wenn sie nicht bald kommen, rufen wir einfach ein Taxi.“

Cedrik sah sich um. Der ganze Bahnhof sah so alt aus, als wäre hier die Zeit einfach irgendwann stehen geblieben. Lange vor der Erfindung von Telefonzellen und Handymasten. Da blieb ihnen wohl nichts anderes übrig, als die Nacht am Bahnhof zu verbringen. Es schneite immer noch wie verrückt, und er fror inzwischen erbärmlich. Der nächste Zug kam wahrscheinlich erst morgen früh, aber wenigstens kamen sie dann wieder raus aus der Kälte. Wenn sie nicht vorher erfroren oder vom Wolf gefressen worden waren.

Ein freudiger Aufschrei seines Vaters schreckte ihn aus seinen düsteren Gedanken. „Da!“, rief er begeistert. „Da sind sie! Hab ich’s nicht gesagt?“

Tatsächlich erschienen etwas entfernt zwei Lichter auf einer Straße, ein Auto näherte sich durch die Dunkelheit dem Bahnhof.

Aber irgendetwas stimmte nicht. Die Scheinwerfer bewegten sich nicht auf einer geraden Linie, sondern schlingerten und hüpften, sprangen mal hierhin, mal dorthin: Das Auto fuhr beängstigende Schlangenlinien.

Himmel! War der Fahrer etwa betrunken?

„Ähm, na ja“, stöhnte O’Connor, „vielleicht kommen die ja doch …“ Er schniefte. „Ich mein, die wollen sicher jemanden anderen …“ Er zog hörbar die Luft ein und riss die Hand vor den Mund.

Das Auto schleuderte, drehte sich einmal um die eigene Achse und fürchterlich quietschend schlitterte ein ebenso verbeulter wie verrosteter Land Rover Geländewagen auf den Bahnhofsvorplatz.

„Ach, du meine Güte!“

Der auberginefarbene Lack war an vielen Stellen abgeblättert, und als sich das Auto mit einem Ruck in einem Schneehaufen festfuhr, löste sich ein Seitenspiegel und knallte scheppernd gegen den Kotflügel.

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