Leseprobe

Sein Vater hatte sich wieder hingesetzt und sah aus dem Fenster, die Stirn in Falten gelegt. „Ich wusste nicht, dass es hier so große Wälder gibt. Bäume, nichts als Bäume!“, sagte er. „Hier leben sicher Hirsche, vielleicht sogar Wölfe.“

Wölfe? Cedrik spürte, wie sein Herz schneller schlug. Er presste seine Stirn an die Scheibe und starrte auf die immer düsterer werdende Landschaft. Inzwischen waren die vorbeiziehenden Bäume im dichten Schneetreiben nur noch als schemenhafte Schatten zu erkennen. Was gab es noch in diesen unendlichen Wäldern? Er hatte das Gefühl, dass da draußen mehr auf ihn wartete, als Bäume und Schnee. Wölfe! Er lachte heiser und leckte sich über die trockenen Lippen. Je länger sie fuhren, desto aufgeregter wurde er. Es fühlte sich an wie … Ankommen. Oder war es doch Heimweh? Er spürte ein Ziehen, eine Spannung tief in seinem Innern, die er nicht verstand. Aber die sich gut anfühlte.

Auf einmal sprach sein Vater leise weiter, so, als hätte er vergessen, dass er nicht allein im Abteil saß. Er flüsterte fast. „Vielleicht hier. Wäre ein perfekter Lebensraum.“

„Für uns?“, fragte Cedrik.

Sein Vater zuckte zusammen. „Ach, nein“, sagte Aengus rasch. Er wirkte verunsichert.

Cedrik drehte sich hastig weg. Er hasste es, wenn sein Vater diesen traurigen Ausdruck in den Augen hatte. Den hatte er in den letzten Wochen viel zu oft gesehen.

Sein Vater holte Luft, wandte sich ihm zu und schenkte ihm ein vorsichtiges Lächeln, das den Kummer in seinem Blick nur unzureichend verbarg. „Du wirst sehen, das wird großartig“, sagte er mit rauer Stimme. „Wir haben ein eigenes Haus und endlich bekommst du ein Zimmer, ganz für dich allein.“

Cedrik lächelte, dann musste er schlucken und wandte sich ab. London. Die kleine Wohnung in Hackney, am Rand der Stadt, lag längst in weiter Ferne. Sein Bett unter dem Dachfenster. Die Vögel, die sich, seit er denken konnte, bei Sonnenaufgang auf seinem Fensterbrett gesammelt hatten. Gestern noch hatten sie ihn besucht und für kleinen Moment fühlte er Traurigkeit in sich aufsteigen. Ich hoffe, sie finden mich in Mistle End wieder, dachte Cedrik.

Die Abteiltür wurde mit einem Ruck aufgerissen und ein groß gewachsener Schaffner mit gezwirbeltem Schnauzbart, tadelloser Uniform und blank polierten Messingknöpfen musterte streng den Haufen Gepäckstücke, die das ganze Abteil blockierten.

„Die Fahrkarten.“ Er hob arrogant eine Augenbraue. „Bitte!“

Cedrik wollte eben nach der kleinen Ledertasche mit den Reiseunterlagen greifen, als ihn sein Vater zurückhielt. „Lass! Ich mach das, Cedrik.“ Er kramte nach den Tickets und reichte sie, als er sie endlich gefunden hatte, freundlich lächelnd dem Schaffner. „Hier, bitte schön!“, sagte Aengus O’Connor. „Wir fahren nach Mistle End.“

Der Schaffner zuckte auf einmal zurück, achtete kaum noch auf die Tickets und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf Cedrik und seinen Vater. Er schien nervös, auf seiner Stirn glänzten Schweißperlen. „Sie … Hrr-hmm.“ Der Schaffner verschluckte sich, musste sich räuspern und klammerte sich am Türrahmen fest. „Sie können dann … Wir sind gleich … Hrr-hmm, entschuldigen Sie!“ Die Tickets in seiner Hand zitterten. „Ich muss … Mein Gott!“

Der Schaffner drückte Aengus hastig die Fahrkarten in die Hand und machte, ohne die beiden aus den Augen zu lassen, einen Schritt nach hinten, zurück in den Gang. Laut krachend schob er die Abteiltür hinter sich zu und stolperte davon.

Cedrik runzelte die Stirn. „Was war das denn?! Hast du gesehen, wie der uns angestarrt hat? Als hätten wir die Pest, oder so was!“

O’Connor wickelte sich bereits in seine Wintersachen. „Was hast du gesagt?“ Cedrik war sofort klar, dass sein Vater wieder einmal nichts von dem mitbekommen hatte, was sich eben in ihrem Abteil abgespielt hatte. Er hatte sich seinen Schal und die heiß geliebte Mütze mit den Ohrenklappen angezogen und sagte: „Komm schon, wir müssen unsere Sachen runterräumen.“

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8