Interview mit dem Tonmeister Philipp Sellier

Bei der Entstehung des Hörspiel „Die Chroniken von Mistle End – Der Greif erwacht“ fand sich mit dem Tonmeister Philipp Sellier und dem Autor & Regisseur Benedict Mirow ein Kreativ-Duo, dass sich nicht nur mit viel Leidenschaft und Anspruch an die Inszenierung der fast 6,5 Stunden Hörspiel machte, sondern auch noch eine Menge Spaß bei der Produktion hatte. Denn neben den wunderbaren Sprechern um Jona Mues (Erzähler), Maxi Belle (Cedrik), Maresa Sedlmeir (Emily), Malte Wetzel (Elliot), Valentin Mirow (Crutch) und Sebastian Mirow (Greif und Aengus O’Connor) ist er vor allem der Tonmeister, der für die Erschaffung der „inneren Welten“ sorgt. Ein Berufsstand, der viel zu oft vergessen wird. Ein Umstand, den wir ändern möchten. Deswegen hier nun ein Gespräch zwischen Benedict Mirow und Philipp Sellier, das so nie stattfand, aber doch zutiefst wahr ist.

Foto von links nach rechts: Philipp Selllier, Marase Sedlmeir, Maxi Belle, Malte Wetzel

BENEDICT –  Hey, Philipp, sorry, dass ich anrufe! Ich wollte da dieses Interview machen, du weißt schon. 

PHILIPP –  Okay. Ja, nee.

BENEDICT –  Was nee?!

PHILIPP –  Okay. (Schweigen, Tastaturgeklapper) So. Fertig. Um was geht es noch mal?

BENEDICT –  Das Interview, wegen unserem Hörspiel. Die Zusammenarbeit und so. Mistle End. Passt’s gerade?

PHILIPP –  Mmh.

BENEDICT –  Wusstest du eigentlich, worauf du dich da einlässt?

PHILIPP –  Bei dem Interview? Äh, muss ich jetzt Angst haben?

BENEDICT –  Nein, bei dem Hörspiel!

PHILIPP –  Mhm, naja vielleicht ’ne grobe Vorstellung – eigentlich natürlich nicht wirklich.

BENEDICT –  Hast du vorher schon mal ein Hörspiel gemacht?

PHILIPP –  Nee, eben. (lacht)

BENEDICT –  Was machst du denn sonst so? Hat dir das bei der Arbeit zum ersten Teil von Mistle End denn irgendwie geholfen?

PHILIPP –  Also mein Hauptbetätigungsfeld sind eigentlich Sounddesign und Mischung für Spielfilme, noch zumindes. In den letzten Jahren haben sich ein paar sehr spannende neue Felder aufgetan, unter anderem auch Gamesound – mal sehen wohin sich das entwickelt.

Und klar, es ist natürlich sehr hilfreich wenn man Erfahrung darin hat, mit Sound gestalterisch umzugehen und Töne dramaturgisch einzusetzen.

BENEDICT –  Verrätst du uns, bei welchem Spiel du die Geräusche gemacht hast? Und bei welchen Filmen? 
PHILIPP –  Was Videospiele angeht, bin ich ja noch sehr neu im Geschäft, daher gibt es bis jetzt eigentlich nur 2 erwähnenswerte Projekte,
beide übrigens vom Münchener Entwicklerstudio mimimi games. Zum einen „Shadow Tactics – Blades of a Shogun“ von 2016, und gerade frisch im Juni rausgekommen „Desperados III“. Filmseitig gibt’s da schon deutlich mehr – die bekanntesten sind sicher die drei „Fack ju Göhte“ Teile, „25km/h“ oder zuletzt ganz frisch „Jim Knopf und die Wilde 13“.  Aber auch Animationsfilme wie die „Ritter Rost“ Reihe, „Der kleine Drache Kokosnuss“ oder „Der kleine Vampir 3D“.

BENEDICT –  Was ist denn der Unterschied vom Hörspiel zu deiner Arbeit beim Film?

PHILIPP –  Große Überraschung: es gibt halt kein Bild (lacht). Das ist einerseits großartig, weil man nicht an eine optische Vorgabe gebunden ist und im Prinzip machen kann, was man will, andererseits liegt aber genau da auch die große Herausforderung, weil Orte und Geschehen eben nur akustisch illustriert werden. Man muß sich also schon genau überlegen, welches Bild man dem Zuhörer vermitteln möchte und wie man erreichen kann, dass das Gehörte dann bei möglichst allen zu ähnlichen Assoziationen führt.

BENEDICT –  Welche Szene hat dir denn am meisten Spaß gemacht?

PHILIPP –  Pffuh, mal überlegen… die Greifenprüfung war toll, Mr. Elderlings Auftritt in der Bibliothek – sehr witzig, Dandelias Zaubertrank – super… nee, ich kann’s nicht sagen, das Buch ist so voll mit fantastischen Szenen, eben gerade auch was den Raum für die Tongestaltung angeht.

BENEDICT –  Und welche war die Schwierigste?

PHILIPP –  Schwierig war tatsächlich der Auftritt der ersten Gargouille vor dem Rat, da mussten wir uns ja erstmal hinarbeiten, also vor allem an den Gargouillen-Sound.

BENEDICT –  Gibt es ein Geräusch, auf das du besonders stolz bist?

PHILIPP – Hm, also was mir immer wieder echt gut gefällt, ist die Stimme vom Greifen! (Grunzt zufrieden). Das ist jetzt natürlich kein Geräusch im eigentlichen Sinne, aber wenn man die eigentliche Aufnahme kennt und das mit dieser übermächtigen Stimme in Cedriks Kopf vergleicht…schön.

BENEDICT –  Wie hast du das hergestellt?

PHILIPP –  Glaub, das würde jetzt zu technisch (hüstelt verlegen).

BENEDICT –  Nee, im Ernst. Du machst doch nicht nur alle Geräusche am Computer, oder?

PHILIPP –  Nein, natürlich nicht, da ist nach wie vor sehr viel “Handarbeit” mit im Spiel. Angefangen bei so banalen Dingen, wie z.B. Schritten, für die ich dann verschiedene Untergründe (Holz, Stein, Sand etc…) im Studio habe. Und wenn’s mal wieder frisch geschneit hat in Mistle End, kommt auch das gute alte Pudding Pulver wieder zum Einsatz (lacht). Kein Witz, da habe ich Puddingpulver in einem Stoffsack, wenn ich den knete, hört sich das an wie Schritte im Schnee. Oder die vorhin erwähnten Gargoullien, die haben ja einerseits was Flügeliges und dann aber auch diese rostig quietschende Komponente, wenn ich mich recht erinnere, war das ein altes Türscharnier in Kombination mit einer rostigen Blechdose. Aber wir haben auch Flappern aus alten Lederhandschuhen probiert – das war zu organisch.

BENEDICT –  Weißt du, was für mich das Großartigste bei der Arbeit am Hörspiel war? Die Unmittelbarkeit. Ich habe nur so etwas gemurmelt wie: „Da muss es mehr schneien – und du hast ein paar Knöpfe gedrückt, und auf einmal war da Wind, Schritte im Schnee, eine einsame Krähe, und sofort war ich im schneebedeckten Mistle End. – Wie machst du das? Sammelst du Töne? Oder Stimmungen?

PHILIPP –  Ja, also einerseits hatte ich, oder besser – hatten wir – ja das Glück, dass wir beide da auf einer sehr ähnlichen Wellenlänge unterwegs sind. Und dann spielt natürlich schon eine Menge gesammelter Erfahrung im Umgang mit, und der Wirkung von Tönen mit rein. Man lernt mit der Zeit schon welche Elemente für eine gewisse Stimmung nötig sind, bzw. welche Klänge man braucht, um beim Zuhörer schnell die gewünschte Assoziation zu wecken.

BENEDICT –  Philipp, du zauberst Welten, die vor den inneren Augen der Zuhörer entstehen. Mit winzigen Geräuschen. Das ist große Kunst! Hören wir alle das Gleiche? Hast du eine Lieblings-Atmo?

PHILIPP –  Lieblingsatmo? Kann ich nicht beantworten – könnte ich übrigens genauso wenig bei der Frage nach Lieblingsmusik. Man reagiert da ja je nach Gemütslage und äußeren Umständen schon wahnsinnig unterschiedlich drauf. Wenn sich allerdings jemand hinsetzt, um ein Hörspiel anzuhören oder einen Film anzusehen, entzieht er sich ja in der Regel bewusst diesen anderen Einflüssen und lässt sich auf das ein, was ihm in diesem Moment angeboten wird. Da ist die Chance dann schon groß, dass man bei vielen Leuten gleiche oder zumindest ähnliche Wirkung erzielt. Auch, wenn man immer wieder davon überrascht wird, wie unterschiedlich Dinge dann doch gehört werden können (lacht).

BENEDICT –  Welche Rolle spielt denn die Musik dabei?

PHILIPP –  Naja, durch den Einsatz von Musik – und damit meine ich jetzt auch sowas wie einen Klangteppich, der gar nicht melodiös sein muss – lassen sich Emotionen ja schon sehr gezielt steuern. Musik ist sowas wie der Expresszugang zum Fühlen, ohne Umwege übers Gehirn, mal ganz salopp gesagt (lacht). Und je nachdem, welche Wirkung ich erreichen möchte, kann ich den Zuhörer damit manipulieren. Man gibt ihm quasi eine Art akustischen Kompass mit… der kann dann einerseits helfen, die Dinge, die da gerade z.B. im Hörspiel oder im Film passieren, emotional einzuordnen, ohne sich bewusst Gedanken drüber machen zu müssen. Der grummelnde Basston verrät mir schon, bevor etwas Schlimmes passiert, dass irgendwas nicht stimmt – jetzt mal nur als ein banales Beispiel.
Umgekehrt kann er auch genau gegenteilig eingesetzt werden und den Hörer gezielt in die Irre leiten. Das klappt wahrscheinlich nicht auf der ganzen Welt in der exakt gleichen Art und Weise, denn da spielen die Hörgewohnheiten natürlich auch eine große Rolle, aber…ich schweife ab.

BENEDICT –  Jetzt, wo alles durch ist: Weißt du noch, wieviele letzte Fassungen wir hatten? Du hast da so ’ne Tasse … warum ist das immer so? (kichert wahnsinnig) Mal im Ernst, geht das auch anders?

PHILIPP –  Ich weiß gar nicht, glaub’, bei uns waren’s nur 3 oder 4. Und nein, ich fürchte, das geht auch nicht anders (lacht). Sobald mehr als eine Person an so einem Projekt beteiligt ist, gibt’s auch mehr als eine Meinung und – wie ja vorhin schon erwähnt – Wahrnehmung. Und da muss man sich halt dann zum Konsens hinarbeiten. 

BENEDICT –  By the way: Was machst du eigentlich vom XXX bis zum XXX (Datum Zensiert)

PHILIPP –  Da mache ich Sounddesign bei XXX (Filmtitel zensiert)

BENEDICT –  Im Ernst?! Wow! Fett! Das ist ja Hollywood!

PHILIPP –  Ja, kannst du ja dann im Kino anhören. Wieso fragst du?

BENEDICT –  Mein Teil 2 ist bald fällig.

PHILIPP –  Ach. Okay.

BENEDICT –  Und?

PHILIPP –  Bin dabei. 

BENEDICT –  Das hatte ich gehofft. Danke dir, Philipp!